Rubrik Veranstaltungen

38. Oldenburger Rohrleitungsforum

Viele Strategien für die Netze von morgen

13.02.2026 – Lesezeit ca. 7 Minuten 172

Viele Strategien für die Netze von morgen

Bild: Sven Anacker

Mit seiner 38. Auflage unterstrich das Oldenburger Rohrleitungsforum am 5. und 6. Februar 2026 erneut seine Stellung als konstruktive Netzwerkplattform für die leitungsgebundene Infrastruktur in Deutschland. Unter dem Leitthema „Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen“ diskutierten Fachleute im winterlichen Oldenburg über den Zustand und die Weiterentwicklung unterirdischer Netze. Rund 1.300 Teilnehmende an der Fachtagung und insgesamt mehr als 6.000 Besucherinnen und Besucher auf dem Gelände der Weser Ems-Hallen machten die diesjährige Veranstaltung zur bestbesuchten in der Geschichte des Forums.

Die Rekordbeteiligung ist ein Stück weit Ausdruck eines wachsenden Handlungsdrucks. Millionen Kilometer über Jahrzehnte gewachsener Leitungsnetze sichern täglich die Versorgung mit Wasser, Energie und Wärme sowie die sichere Ableitung und Behandlung von Abwasser. Diese Infrastrukturen funktionieren bislang zumeist zuverlässig, doch ihre Rahmenbedingungen verändern sich grundlegend. Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung, steigende Sicherheitsanforderungen und ein massiver Investitionsbedarf stellen Planung, Betrieb und Weiterentwicklung gleichermaßen vor neue Herausforderungen. Entsprechend ging es in Oldenburg um tragfähige Lösungen für die Netze von morgen.

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Bereits zur Eröffnung im Sitzungssaal des ehemaligen Landtagsgebäudes am 4. Februar 2026 wurde klar, dass das Motto der diesjährigen Veranstaltung keine Gegensätze betont, sondern Integration einfordert. Denn Bestand und Neubau bilden zu gleichen Teilen das Fundament unserer Daseinsvorsorge und müssen technisch, betrieblich und strategisch zusammengedacht werden. „Aber ´Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen´ ist kein fertiges Konzept, sondern eine Einladung zum Dialog“, betonte Mike Böge, Geschäftsführer des Instituts für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg, mit Blick auf die kommenden zwei Tage.

Kritische Infrastrukturen schützen

Veränderte sicherheitspolitische Rahmenbedingungen prägen zunehmend den Dialog über die Zukunft der Netze. Karsten Specht, Geschäftsführer des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands, OOWV, rückte in diesem Zusammenhang die wachsende Bedeutung kritischer Infrastrukturen in den Fokus. Wasser- und Abwasseranlagen seien heute dauerhaft hybriden Bedrohungen ausgesetzt. Cyberangriffe und gezielte Sabotage seien reale Szenarien, auf die sich Betreiber einstellen müssten. „Wir müssen davon ausgehen, dass Angriffe kommen – Hoffnung ist keine Strategie“, betonte Specht im Rahmen der Eröffnung. Cybersicherheit lasse sich dabei nicht delegieren. „Das ist kein IT-Thema, sondern ganz klar ein Vorstandsthema.“ Verschärfte gesetzliche Vorgaben im KRITIS-Umfeld würden zwar den organisatorischen und finanziellen Aufwand erhöhen, seien aber Voraussetzung für Resilienz und Versorgungssicherheit. Zugleich machte Specht deutlich, dass diese Anforderungen ohne politische Priorisierung, beschleunigte Verfahren und eine langfristig gesicherte Finanzierung kaum zu bewältigen seien.

Wasser- und Abwassermanagement unter veränderten Rahmenbedingungen

Insgesamt erwies sich das Leitthema „Alt und Neu“ als Klammer für die vielen fachlichen Debatten des Forums. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie gewachsene Netze unter grundlegend veränderten Rahmenbedingungen nicht nur weiterbetrieben, sondern gezielt weiterentwickelt werden können. Für die Wasser- und Abwasserwirtschaft wurde deutlich, dass sich Resilienz und Klimafolgenanpassung in konkreten technischen, betrieblichen und organisatorischen Anforderungen an Planung, Bau und Betrieb niederschlagen müssen – von der systematischen Kenntnis des Bestands, über neue Transportleitungen bis hin zu einer datenbasierten Betriebsführung. „Die Erhöhung von Resilienz in der Wasserversorgung erfordert kontinuierliche Anpassungsprozesse“, betonte Dr. Wolf Merkel, Vorstand – Ressort Wasser, beim Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e. V. (DVGW), im Rahmen des jährlich stattfindenden Pressegesprächs. Der damit verbundene Handlungsdruck spiegelt sich unmittelbar im Investitionsbedarf wider. Klimabedingte Zusatzinvestitionen in der Wasserversorgung summieren sich in den kommenden zehn Jahren auf bis zu 13 Milliarden Euro. Dies sei ein Umfang, der politisch und gesellschaftlich häufig unterschätzt werde. Dass die Netze bislang zuverlässig funktionieren, verdecke den tatsächlichen Anpassungsbedarf, warnte Merkel.
Auch beim Abwasser- und Regenwassermanagement verdichtet sich die Entwicklungsdynamik spürbar. Klimatische Extreme nehmen zu, während Netze nur mit entsprechenden Vorläufen angepasst werden können. „So schnell, wie der Klimawandel voranschreitet, können wir unsere Netze nicht umbauen“, betonte Prof. Dr.-Ing. Katharina Teuber, Professorin für Siedlungswasserwirtschaft an der Jade Hochschule und Vorstandsmitglied im Institut für Rohrleitungsbau. Umso wichtiger sei es, den vorhandenen Bestand konsequent auszuschöpfen und intelligenter zu nutzen. „Wir müssen schauen, was wir aus dem Bestand herausholen können“, sagte Teuber mit Blick auf digitale Steuerung und neue Ansätze im Umgang mit Niederschlagswasser. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass die zunehmende Digitalisierung zwar hohen Nutzen stifte, zugleich aber neue Zielkonflikte eröffne. Der wachsende Anspruch an datenbasierte Steuerung steht in einem Spannungsverhältnis zu steigenden Anforderungen an die Cyber- und Systemsicherheit. Dies seien Faktoren, die nicht allein technisch lösbar seien, sondern klare organisatorische Zuständigkeiten und qualifiziertes Personal erforderten.

Für eine erfolgreiche Energie- und Wärmewende

Auch im Kontext einer erfolgreichen Umsetzung der Energie- und Wärmewende stand die Abwägung und Verknüpfung zwischen alt und neu im Mittelpunkt vieler interessanter Diskussionsansätze. So werden bei den Verteilnetzen bestehende Gasnetze weiterhin eine tragende Rolle spielen. Deren Aufgabe gilt es aber nun neu zu bewerten und zu definieren. Für die Gasversorgung skizzierten Heiko Fastje und Jannis Klinkebiel, beide von der in Oldenburg ansässigen EWE NETZ GmbH, einen realistischen Entwicklungspfad. Trotz ambitionierter Klimaziele bleibe Gas auf absehbare Zeit Bestandteil der Energieversorgung. „Rund 90 Prozent der Häuser sind heute an das Gasnetz angeschlossen – der Transformationsweg ist entsprechend lang“, betonte er. Auch künftig seien Moleküle unverzichtbar, insbesondere für Speicherfähigkeit, industrielle Anwendungen und Versorgungssicherheit. Zugleich warnte Fastje vor verkürzten Erwartungshaltungen: „Eine Energiewende dauert eine Generation – schnelle Antworten auf komplexe Fragen gibt es nicht.“ Darüber hinaus wurde intensiv über Fernwärme als wichtiger Baustein der Wärmewende diskutiert. Dr.-Ing. Bernd Wagner, AGFW | Der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK e.V., unterstrich, dass die kommunale Wärmeplanung ein organisatorisch und technisch anspruchsvolles Projekt sei. Dies träte gerade in Bezug auf den nun notwendigen Netzausbau, ein gezieltes Asset-Management und eine zugleich wirtschaftliche und innovationsorientierte Bauausführung deutlich hervor. „Fernwärmenetze ermöglichen die systemische Einbindung unterschiedlichster Wärmequellen und gewinnen durch digitale, datenbasierte Betriebsführung weiter an Effizienz“, so Wagner.

Viel mehr als ein Branchentreffen

Über alle Sparten hinweg hat das 38. Oldenburger Rohrleitungsforum verdeutlicht, dass sich die Zukunft der unterirdischen Infrastruktur nicht im Neubau allein entscheidet, sondern im Zusammenspiel von Bestand, gezielter Weiterentwicklung und Integration. Klimaschutz, Energiewende, Klimaanpassung und Ressourceneffizienz treffen dabei auf Anforderungen aus Digitalisierung, Automatisierung und Fachkräftesicherung. Das Oldenburger Rohrleitungsforum bot dafür erneut den fachlichen Rahmen.
Böge zog zum Abschluss der Veranstaltung ein entsprechend positives Fazit: „Das Forum war geprägt von einem sehr konstruktiven Austausch und vielen intensiven Begegnungen. Noch nie zuvor sind zum Oldenburger Rohrleitungsforum so viele Menschen zusammengekommen, um sich über Verfahren, Werkstoffe, organisatorische Rahmenbedingungen, Strategien gegen den Fachkräftemangel und weitere wichtige Herausforderungen unserer Branche auszutauschen. Ein besonders eindrucksvoller Moment aber war für mich während der Eröffnungsveranstaltung der Auftritt von Maria Lenz, der Witwe unseres Forum-Gründers Prof. Joachim Lenz, die mit sehr persönlichen Worten an sein Lebenswerk erinnerte und zugleich den Geist des Oldenburger Rohrleitungsforums spürbar machte: den offenen, respektvollen und fachlich fundierten Austausch, der die Veranstaltung von Beginn an geprägt hat.“
Auch die 38. Auflage des Oldenburger Rohrleitungsforums war von dieser Idee von Prof. Lenz getragen. Sie zeigte, dass „Alt und Neu“ weder in der Infrastrukturentwicklung noch in der Geschichte der Veranstaltung einen Gegensatz beschreiben, sondern den Kern von Zukunft markieren.

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